Gardasee – TAG 4 Mehrtageswanderung

Ziel: Lago di Ledro (Ledrosee)

Lago di Ledro

Die letzte Nacht war schlaftechnisch erneut sehr kurz und der kommende Tag verspricht wieder lang und fordernd zu werden. Meine ersten Gedanken, nachdem ich um 05:45 Uhr wach werde, kreisen sofort um meine drei Hauptthemen, die ich zu lösen habe.

  • wieder ein Funk-Signal bekommen und ein bereits überfälliges Lebenszeichen an Frau und Sohn senden
  • möglichst schnell meine arg reduzierten Wasservorräte auffüllen
  • viel trinken, um den mittlerweile dunkelgelben Urin wieder in den gesunden Bereich zu bringen

Auf ein Frühstück verzichte ich und fange sofort damit an meine Plörren zusammenzupacken. Im Hinterkopf habe ich natürlich den Umstand, dass mein Wildzelten eigentlich verboten ist.

Einer Begegnung mit Rangern, Jägern oder aufgebrachten Wanderern möchte ich weitestgehend aus dem Weg gehen.

Das klappte bis jetzt wunderbar. Gegen 6:15 Uhr nehme ich jedoch ein Stimmengewirr wahr, das sich offensichtlich auf mich zu bewegt.

„Scheiße – das darf doch nicht wahr sein!“ fluche ich in mich hinein.

Mein Zelt (ein TARPTENT – Link HIER) ist noch aufgebaut und würde recht schnell ins Auge springen. Ansonsten ist bereits alles in Packsäcken verstaut und liegt vor meinem Rucksack.

Augenblicklich entferne ich die Trekkingstöcke, mit denen ich gestern einen „Schnellaufbau“ des Zeltes erfolgreich ausprobierte. Das Zelt fällt sofort in sich zusammen und ist somit aus dem direkten Blickfeld. In diesem Moment kommt auch schon eine Wandergruppe in Sicht. Die 5 Italiener laufen auf dem Weg, der ein paar Meter neben meinem Übernachtungsplatz verläuft.

Ich denke nur: „Geht doch einfach weiter!“

Sie bleiben natürlich auf meiner Höhe stehen und fragen mich irgendetwas auf Italienisch. Ich verstehe kein Wort …

Als die Italiener merken, dass ich anscheinend Ausländer bin, greift man auf das international bekannte Zeichen für Schlafen zurück. Ein junger Italiener legt den Kopf schräg auf die Handfläche, schließt die Augen und macht Schnarchgeräusche.

„Sì !!!“ bestätige ich eifrig nickend und lächele ihnen entgegen, während ich inständig hoffe, dass es sich um wohlgesonnene Naturliebhaber handelt.

Man lächelt zurück, ich entspanne mich, und die Gruppe setzt sich wieder in Bewegung.

Erleichterung macht sich in mir breit.

Gegen 6:45 Uhr breche auch ich auf und mein Übernachtungsplatz sieht aus, wie er aussehen sollte.

War hier jemand?

Die heutige Etappe hat es in sich:

30,5 Kilometer / 2.400 negative und 1.550 positive Höhenmeter

Am Ende des Tages will ich am Ledrosee sein, wo nochmals eine Übernachtung auf einem Campingplatz geplant ist.

Der Morgen begrüßt mich mit angenehmen Temperaturen. Zunächst geht es über Waldwiesen und schöne Pfade.

Als das Gefälle zunimmt, befinde ich mich auf befestigteren Wegen.

Obwohl ich bereits ein paar fordernde Wandertage in den Knochen habe und mittlerweile ein ordentliches Schlafdefizit aufgebaut sein dürfte, fühle ich mich noch erstaunlich gut. Es gibt keinerlei Zipperlein, die aufs Gemüt schlagen könnten.

„Schulle, Du bist mit Ende 40 halt doch noch ein verdammt fittes Kerlchen!“ klopfe ich mir selbst auf die Schulter und bediene mal ein wenig mein EGO. 😎

Bereits nach gut einer Stunde werden bereits zwei meiner klärungsbedürftigen Themen, die ich seit dem Aufwachen mit mir rumschleppe, gelöst.

Ich erreiche eine Wasserquelle und kann meinen Körper und meine recht leeren Trinkflaschen mit Trinkwasser fluten.

Jetzt kommt auch endlich mal mein MSR-Guardian (Wasserfilter) zum Einsatz. Ich haue mir zunächst einmal zügig 1 – 2 Liter Wasser in den Körper, gönne mir dann noch ein Frühstücks-Müsli und setze meinen Weg wenig später mit 4 Litern kühlem Trinkwasser im Rucksack wieder fort.

„Nun noch ein Funk-Signal und Du bist wieder ganz entspannt unterwegs …“

Es geht immer weiter bergab – irgendwo müssen die 2.500 negativen Höhenmeter des heutigen Tagen ja herkommen …

Mir fällt unterwegs auf, dass ich mein heutiges Wasserproblem offensichtlich an vielen Stellen hätte lösen können. Überall plätschert Wasser vor sich hin.

Heute unterscheidet sich die Umgebung wieder stark von der gestrigen Tour.

Zwischenzeitlich hatte ich auch mal ganz kurz ein Funk-Signal, was ich sofort ausnutzte. Frau und Schulle Junior sind nun also informiert, dass Vadder noch lebt und genau dort ist, wo er auch sein will. Alle zu klärenden Dinge sind nun geklärt und ich kann mich wieder voll und ganz dem Genuß meiner Wanderung widmen.

Gegen 10:00 Uhr erreiche ich eine Straße, der ich 2 Kilometer folgen muss, bevor mein geplanter Track wieder in die Berge führt.

Wir haben heute Sonntag und viele Motorradfahrer erfreuen sich an der kurvigen Strecke. Der Lärm  stört mich bemerkenswerter Weise überhaupt nicht. Ich freue mich sogar, auch mal wieder ein paar Menschen um mich zu haben, auch wenn Sie mit einem Affenzahn an mir vorbeirasen.

Auf diesen 2 Kilometern entlang der Straße, reift in mir der Entschluss zu einer Planänderung. Auf meiner Karte kann ich erkennen, dass die Straße auch zum Ledrosee und zusätzlich durch ein paar kleine Ortschaften führt. Meine eigentlich geplante Strecke würde sich wieder auf einsamen Pfaden durchs Gebirge schlängeln.

„Ich brauche heute mal eine Abwechselung und habe voll Bock ein paar Menschen zu sehen, mal irgendwo ein Käffchen zu trinken und mir ein paar Orte anzuschauen. Karsten, Du änderst heute Deinen Plan und latschst an dieser Straße entlang!“

Diese Entscheidung fühlt sich wunderbar an und somit geht es auf asphaltiertem Grund Richtung Ledrosee.

So komme ich in den nächsten Stunden in den Genuss meines heißgeliebten Kaffee Americano und einer kalten Cola Zero.

Die kleinen Freuden unterwegs …

Ich lasse mir ein wenig Zeit und beobachte die Menschen um mich herum. Beim Gang durch die kleinen Ortschaften gibt es natürlich auch immer mal wieder etwas, das meine Aufmerksamkit erregt.

„Gute Planänderung!“ freue ich mich.

Gegen 14:30 Uhr erreiche ich nach 28 Tageskilometern bereits den Ledrosee. Durch das Folgen der Straße kam ich sehr schnell voran. Nebenbei ersparte ich mir einige Höhenmeter und knapp 2,5 Kilometer Strecke.

Der Ledrosee ist viel kleiner als der Idrosee und gegen den Gardasee wirkt er wie ein Winzling. Ich entdecke 2 Campingplätze, die nebeneinander liegen – einen kleinen Platz und einen sehr großen Platz. Auf den großen Platz will ich auch keinen Fall, da mir dort viel zu viel Trubel herrscht.

Als ich beim kleinen Campingplatz nachfrage, ob man noch ein freies Plätzchen für mich und mein kleines Zelt hat, erhalte ich eine unerwartete Antwort:

„Sorry – es kam gerade noch eine Gruppe mit mehreren Zelten. Wir sind leider voll.“

Ungläubig schaue ich den Mann am Check-In an und frage nochmals nach, ob er sich sicher ist, dass keine 5 Quadratmeter Wiese mehr frei sind.

„Ja, tut mir wirklich leid. Wenn Du möchtest, kannst Du morgen früh aber vorbeikommen und für 3,00 EUR duschen.“ lächelt er mich an.

Ich lächele zurück und denke nur:

„Du Arsch! Deine Duschen kannst Du Dir irgendwohin stecken!“

Ein neuer Plan muss also her und ich setze mich in ein Cafè, bestelle mir ein opulentes Stück Apfelstrudel samt Käffchen und gehe meine weiteren Optionen durch.

man beachte die Vanille-Sauce …

Es ist erst kurz nach 15:00 Uhr und eigentlich noch genügend Zeit, um ein Stück weiterzuwandern. Ich könnte somit die morgige Etappe beginnen und am Abend dann irgendwo in den Bergen mein Zelt aufschlagen. Zunächst wird ein Blick auf die morgige Route geworfen. Die Strecke führt zurück zum Gardasee und stellt somit den Abschluss meines kleinen Abenteuers dar.

Es warten auf der morgigen, letzten Strecke nochmals 25 Kilometer mit 1.500 negativen und 900 positiven Höhenmetern.

Ich sinniere: “25 km Streckenlänge insgesamt – davon 5 km mit der Fähre über den See und 5 flache Kilometer zurück nach Cassone. Bleiben folglich 15 fordernde Kilometer mit ordentlich Höhenmetern übrig. Wenn ich jetzt hier am Ledrosee starte, warten auf den ersten 10 Kilometern 800 Höhenmeter bergauf. Das wird nochmals richtig reinhauen und Du hast schon knapp 30 Kilometer in den Beinen. Gibt es eine brauchbare Alternative?“

Außer einer Übernachtung auf dem großen Campingplatz, die nicht für mich in Frage kommt, erkenne ich keine.

„Auf geht es! Du machst heute noch die ersten 10 Kilometer den Berg hinauf, suchst Dir dann da oben ein Plätzchen zum Zelten und morgen rockst Du dann noch die 5 km Kilometer nach Limone zur Fähre, setzt mit der Fähre über den See und bist dann so gut wie am Ziel!“

Um 15:30 Uhr setze ich mich erneut in Bewegung und verlängere meine heutige Tour noch etwas. Auf der anderen Seite des Ledrosees erkenne ich den Aufzug eines Gewitters.

„Klasse, wenn das zu mir herüber zieht bekomme ich richtig Spaß.“ stelle ich recht nüchtern fest.

Ein wenig Glück habe ich dann doch, denn das Gewitter bleibt in den Bergen der anderen Seeseite hängen und erreicht mich nicht.

Die 800 Höhenmeter Aufstieg hauen auf den nächsten 10 Kilometern nochmals richtig rein. Entschädigt werde ich aber wieder einmal durch die wirklich tolle Gegend.

Und dann sehe ich ihn nach Tagen mal wieder – den Gardasee.

Gardasee – ich komme!

Gegen 18:45 Uhr habe ich die Strapaze hinter mir und suche ein schönes Plätzchen für mein Zelt. 100 Meter abseits des Weges werde ich fündig. Ich errichte das Zelt diesmal auf einer dicken Schicht Laub – wieder Schnellaufbau mit Trekkingstöcken.

Das Aufblasen meiner Isomatte spare ich mir, da die Laubschicht unter meinem Zelt weich genug ist. Einfach den Schlafsack ins Zelt gepackt und fertig ist das Bettchen.

Irgendein komisches Risottogericht, das ich mir vorhin in einem Supermarkt am Ledrosee mitgenommen hatte, entpuppt sich als kulinarischer Reinfall. Somit mümmele ich halt wieder an einem Müsli rum.

„Morgen Abend sitzt Du dafür bei „Stella“ und schlemmst nach Herzenslust!“ Dieser Gedanke tröstet mich über mein karges Abendessen hinweg.

Ich schaue mir auf der Karte nochmals kurz den Abstieg nach Limone sul Garda an, der morgen in der Früh auf mich wartet. Wenn es geht, möchte ich in Limone eine der ersten Fähren nehmen, die nach Malcesine übersetzen.

„Puh – 5 Kilometer Strecke mit 1.300 Höhenmetern bergab. Das ist mächtig steil und wird vor allem nochmals eines verlangen – Aufmerksamkeit!“.

Aus diesem Grunde krabbele ich gegen 21:30 Uhr in meinen Schalfsack und warte auf den dringend benötigten Schlaf.

Natürlich warte ich vergebens. Wie sollte es auch anders sein …

Nach einer längeren Zeit des Herumwälzens, drifte ich letztlich in einen unruhigen Halbschlaf ab.

Umterm Strich waren es heute 38 km mit recht vielen Höhenmetern – ein ganz schön langer Schinken.

Langsam nähert sich das Ende meiner Wanderung.

Euer Schulle

Vorwort zur Tour: HIER

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