Gardasee – TAG 3 Mehrtageswanderung

HEUTE: vom Idrosee zur Malga Alpo di Storo

„Wow – das tat gut!“

Um 05:45 Uhr wache ich auf. Nachdem gestern Abend ab 22:00 Uhr langsam Ruhe auf dem Campingplatz einkehrte, war mir dann auch die dringend benötigte Tiefschlaf-Erholung gegönnt.

Ich bleibe noch ein paar Minuten liegen und spiele gedanklich den heutigen Tag durch.

Es warten nur bescheidene 23 Kilometer Strecke auf mich. Bei genauerer Betrachtung, wenn man sich das Streckenprofil anschaut, relativiert sich die „Kürze“ der Strecke allerdings schnell.

Die 23 Kilometer werden mir insgesamt 2.100 positive Höhenmeter und 1.000 negative Höhenmeter bieten.

Noch lustiger wird das Ganze, wenn man einen Blick auf die Aufteilung der Anstiege wirft. Direkt nach dem Verlassen des Campingplatzes darf ich auf den ersten 8 Kilometern des Tages bereits 1.000 Höhenmeter Anstieg unter die Füße nehmen – sozusagen als kleiner Frühsport. Die letzten 6 Kilometer der heutigen Tour werden mich dann nochmals mit 800 Höhenmetern im Anstieg erfreuen.

„Was eine Tour! Naja, hast Du Dir ja selber so zusammengestellt …“ schmunzele ich in mich hinein.

Um 6 Uhr öffne ich mein Zelt. Auf dem Campingplatz herrscht noch wohltuende Ruhe.

Ich koche mir schnell ein Käffchen und schlendere mit dem Becher in der Hand ein wenig umher.

Dann wird langsam zusammengepackt und um 8 Uhr stehe ich startklar vor dem Supermarkt des Platzes. Dort decke ich mich mit frischem Wasser ein und gönne mir 3 leckere Teilchen als kleines Frühstück.

„Den Brennstoff brauchst Du auch dringend für die anstehenden 1.000 Höhenmeter!“ rechtfertige ich die Kalorienbombe vor mir selber.

Um 8:15 Uhr geht es los. Die Richtung ist klar: AUFWÄRTS …

Immer wieder bieten sich mir ein paar schöne Ausblicke in die Umgebung.

Gegen 10:00 Uhr lege ich – wie auch gestern – eine kurze Rast ein, um mein Zelt etwas zu trocknen. Der Schlafsack hat es heute nicht nötig.

Etwas über eine Stunde später erreiche ich ein Zwischenziel der Tour – das Rifugio Monte Stino.

„Zeit für ein Mittagessen!“ denke ich mir und bestelle den obligatorischen Kaffee Americano, eine Cola Zero und 2 Stücke Kuchen.

Frisch gestärkt geht es über abwechslungsreiche Wege weiter.

Die Gebirgswelt zieht mich regelrecht in ihren Bann. Ich versuche diese tollen Panoramen und Eindrücke mit einer tiefen Dankbarkeit in mich aufzusaugen und zu konservieren.

Mein nächstes Ziel ist der Ort BONDONE. Hier möchte ich mich nochmals meine Wasservorräte auf ein Maximum aufstocken, bevor der letzte Anstieg des Tages in Angriff genommen wird.

The same procedure as every day …

Umgestürzte Bäume säumen mal wieder meinen Weg und erfordern teilweise etwas Kletter- und Kriechgeschick.

Kurz vor Bondone erhalte ich dann auch noch geistlichen Beistand von Papa Francesco.

„Jetzt kann überhaupt nichts mehr schief gehen!“

Frohen Mutes erreiche ich Bondone.

BONDONE Gardasee Idrosee Ledrosee

Der Supermarkt ist schnell gefunden, doch an der Tür gibt es eine kleine Überraschung. Wir haben heute Samstag und die Uhr zeigt 15:30 Uhr an. Leider macht der Supermarkt erst wieder von 17:00 bis 19:00 Uhr auf.

„Was nun? Ich brauche Wasser!“

Nach kurzer Überlegung steht die Entscheidung fest.

„1,5 Stunden bis zur Öffnung zu warten geht überhaupt nicht! Dann laufe ich Gefahr mein Ziel nicht mehr im Hellen zu erreichen. Hier werde ich schon irgendwo Wasser kaufen können!“

Ein paar Minuten später werde ich fündig. Eine kleine Kneipe wird zu meiner Wasserquelle. Ich bestelle mir dort einen Kaffee Americano und 6 x 0,5 l Wasser. Der Wirt und die dort kartenspielenden, älteren Herren sehen mich ein wenig amüsiert an, vertiefen sich dann aber wieder in ihr Spiel.

Als das Wasser umgefüllt und verstaut ist, bin ich tatsächlich mit 5 Litern Wasser ausgestattet.

Der Grund für diese üppige Wassergabe ergibt sich aus der Tatsache, dass ich nicht genau weiß, ob mein Ziel – das BIVACCO ALPO DI STORO – überhaupt bewirtschaftet ist.

Bis ich hierauf eine Antwort erhalte,  muss ich allerdings auf den nächsten 6 Kilometern erst noch einen langen schweißtreibenden Anstieg von einigen Hundert Höhenmetern bewältigen.

Der Anstieg fordert mir wirklich nochmals alles ab und der Schweiß läuft in Strömen. Dennoch kann ich mich an den schönen Pfaden, den duftenden Wiesen und der tollen Gegend erfreuen.

Auch Nachdenkliches findet sich am Wegesrand und mir wird wieder einmal bewußt, wie kurz ein Leben sein kann.

Ich nähere mich langsam aber unaufhaltsam meinem Tagesziel.

Nachdem die Malga di Storo erreicht ist, sind es nur noch ein paar Hundert Meter.

Dann liegt es vor mir – BIVACCO ALPO DI STORO. Mittlerweile ist es 18:30 Uhr.

Mein erster Eindruck bestätigt sich, als ich näher herankomme. Es schaut hier höchst unwirtlich aus. Weit und breit ist keine Menschenseele zu entdecken und irgendwie wirkt dieser Ort unheimlich und gruselig.

Plötzlich springt ein mittelgroßer Hund, der eine kleine Glocke um den Hals trägt, aus dem Fenster einer Scheune und kläfft mich unfreundlich an.

„Nein, das ist definitiv nicht der Ort, an dem ich übernachten möchte!“

Schleunigst verlasse ich diesen unschönen Ort und überlege, was ich nun mache.

Bei einem Blick auf mein Smartphone erkenne ich zudem, dass ich kein Funk-Signal habe.

„Naja, irgendwo muss ich ja schlafen. Dann fange ich halt die morgige Strecke an und suche mir auf den ersten Kilometern irgendwo im Wald einen Schlafplatz. Vielleicht habe ich dann auch wieder ein Funk-Signal.“

Dieser Plan fühlt sich auf jeden Fall besser an, als am Bivacco di Storo auszuharren.

Bereits nach einem weiteren Kilometer Fußmarsch finde ich am Waldrand einen geeigneten Platz für mein Nachtlager.

Ich bin tierisch erschöpft. Die heutigen Höhenmeter haben mich ganz schön geplättet. Auf die Schnelle baue ich mein Zelt etwas windschief auf und probiere mal eine Aufbau-Option ohne Heringe aus – nur mit den Trekkingstöcken. Das funktioniert tatsächlich …

Ich gönne mir nochmals Nudeln mit Soja-Bolognese. Dann überschlage ich meine Wasservorräte. Der schweißtreibende Aufstieg und das Abendessen haben meinen Wasservorrat von 5 auf 3 Liter reduziert. Wenn ich heute Abend und morgen früh noch ein wenig trinke, würde ich auf der morgigen Tour zunächst knapp 2 Litern dabei haben. Das ist nicht sehr viel und ich kann noch nicht genau absehen, wo und wann ich morgen die Möglichkeit erhalte an neuen Nachschub zu kommen.

Kurz vor 21:00 Uhr pinkele ich nochmals und erschrecke. Mein Urin ist dunkelgelb. Bereits im Laufe des Tages war mir aufgefallen, dass der Urin dunkler als sonst ist, aber soooooo dunkel …?!

„Du trinkst zu wenig, Karsten.  Daran musst Du morgen unbedingt etwas ändern!“

Mit diesem Vorsatz im Kopf falle ich todmüde auf meine Isomatte, kuschele mich in meinen Schlafsack und hoffe, dass ich bald einschlafe.

Diese Hoffnung erfüllt sich leider nicht. Die Einsamkeit hier im Wald, die Tatsache, dass ich kein Funk-Signal habe, die schwindenden Trinkwasservorräte und der Gedanke an die morgige Strecke lassen mich nicht richtig zur Ruhe kommen.

In der Folge wälze ich mich unruhig hin und her. Irgendwann weit nach Mitternacht werde ich erlöst und mir ist ein wenig Schlaf gegönnt.

Ich betrete das Land der wilden Träume …

Euer Schulle

Vorwort zur Tour: HIER

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